Abb. Iolaos   zurück zurück

Christian Maurer

Die Dynamik der Pentameter-Zeile und der Klagereden

Eine Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeit des Hexameters im vorliegenden dramatischen Versuch für die Kinder sind die eingestreuten Pentameterzeilen. Diese Sonderform entstand erst nach Homer. Sie individualisiert gewissermaßen die epische Hexameterzeile zu einer prägnanten Aussage (durch ihre verlängerte Zäsur, die von zwei entschiedenen Längen umrahmt ist; außerdem beginnt und endet sie gleichgewichtig mit einer “bodenständigen” Länge). Z.B. die Entscheidung Demophons:

“An den Tyrann mein Wort: Nie führt er diese hinweg!”

Ursprünglich war die Pentameter-Zeile (im Wechsel mit dem Hexameter) das Versmaß der Totenklage (Elegie), wo persönlicher Seelenausdruck das überkommene Gleichmaß sprengt, dann aber auch des gedankenblitzenden Sinnspruches (Epigramm).

So kann auch im Spiel der beschreibende Sprachfluß formal durch eine Pentameterzeile angehalten, eine Aussage bekräftigt, oder ein Fazit gezogen werden. Die individuelle Erlebnisfähigkeit, die in der Altersstufe der Zwölfjährigen sich erst zu entfalten beginnt, wird beim Hexametersprechen noch in der strengen Form der Sprachbewegung belebt und nur behutsam zu der Ausdruckskraft hingeführt, die Schicksal erfährt. Die Pentameter-Form ist eine Brücke, hinüber zur verantwortlichen, persönlichen Urteilskraft.

Dementsprechend sind auch die Klagen der schutzflehenden Kinder am Altar, wie auch die, der hilflosen athenischen Bürger, die ihren Orakelspruch nicht verstehen, und das Kampflied der Männer vor der Schlacht, von der gehaltenen Form des Hexameters befreit und leben im Übergang zum persönlichen Ausruf. Einerseits sollen sie Abwechslung in den Klang des Spieles bringen, andererseits sind sie auch als Etüden zu verstehen, wo in freierer Form das Längen- und Kürzensprechen erlernt werden kann. Das tragende Versmaß in diesen Strophen ist der Choriambus – –, in dem die seelische Ausdruckskraft weit über das Persönliche hinauswachsen kann, ohne aber das Gleichgewicht zu verlieren. Nur im Jonicus des Kampfliedes – – ist das Gleichgewicht, um der drängenden, grenzensprengenden Schlachtbegeisterung willen, aufgegeben.

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