Abb. Iolaos   zurück zurück

Christian Maurer

Die Atem-Zäsur und ihre hygienische Wirkung

Für das Sprechen der Hexamter ist es hilfreich, die Zeile zweigliedrig zu erleben. Die (äußerlich im allgemeinen nicht erkennbare) Zäsur, annähernd in der Mitte der Zeile, gliedert den Atem in zwei tiefe Atemzüge. Wenn ausschließlich zu Beginn, etwa in der Zeilenmitte und am Zeilenende der Einatmung statt gegeben wird, schwingt sich die Länge der Zäsur in die Dauer einer natürlichen Einatmung ein. Die Kraft des Atems wird so vertieft und erweitert.

Wird nun durch das Sprechen die Dauer eines Atembogens an der Dauer dreier Daktylen (– ) und einer zugehörigen Einatmungspause gemessen, so ergibt sich in einer Hexameter-Zeile zweimal das Verhältnis 1 : 4. Im hexametrischen Sprechen wird das natürliche, physiologische Verhältnis von einem Atemzug auf vier Pulsschläge, wie es sich beim erwachsenen Menschen herausgebildet hat, angelegt, erübt und eingeprägt.

»Die Proportion zwischen einem vollen Atemzug und den vier Pulsschlägen wird durch das Sprechen des Hexameters offenbar. Er ist also ein Ausdruck des menschlichen Rhythmus der Lungen und des Herzens. Deshalb wurde der Hexameter ursprünglich rezitierend konzipiert und singend gesprochen, aber nicht geschrieben oder gelesen. Die alten Barden, welche noch mit dem uns heute völlig unverständlichen “homerischen” Gedächtnis die Epen rezitierten, konnten dies stundenlang tun, ohne zu ermüden, weil das Metron selber noch gleichsam im Einklang mit der Menschennatur oder wie ein Stück von ihr gewesen war«(aus: Fr. Hiebel, Die Botschaft von Hellas.)

Da die natürlichen Körperrhythmen durch die technische Zivilisation fortwährend gestört sind, erweist sich der pädagogisch-therapeutische Wert des Hexameter-Sprechens in dem Lebensalter, wo der Rhythmus von Atem und Puls sich dem natürlichen Verhältnis von 1 : 4 angleichen will.

In der Textgestaltung unseres Spiels sind die, sonst nicht immer in der Satzbewegung leicht erkennbaren Zäsuren, durch verlängerten Wortabstand gekennzeichnet. Die Zeile mit ihrer Atemzäsur gliedert den Atem. Man kann im Üben rasch bemerken, daß zusätzliches »Luftholen« ( um den Inhalt zu pointieren oder um der Gramatik Rechnung zu tragen, Kommas usw.) überflüssig ist und Unruhe in den Atemrhythmus bringt.

Ist die Ruhe der Atemführung erübt, kann die Zeilendynamik erspürt werden, wie sie sich durch die metrische Behandlung – dem jeweiligen Inhalt gemäß – nach der Atemzäsur differenziert:

- Beginnt die zweite Halbzeile trochäisch, daktylisch oder amphibrachisch mit – oder , so folgt in der Regel eine ruhige Beschreibung.
- Beginnt sie anapästisch mit –, drängt sie zu einer entschiedenen, persönlichen Aussage hin.

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