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Stefan Weishaupt

    Sprachgestaltung
Die Kunst der Sprachgestaltung wurde zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts durch Rudolf Steiner und Marie Steiner von Sievers auf der Grundlage der anthroposophischen Geisteswissenschaft entwickelt.

Durch Sprachgestaltung taucht man in die Formen und Kräfte der Sprache ein: in das plastische Geschehen der Konsonanten, in den strömenden Fluss der Vokale, in den Schritt der Silben, in ihre Rhythmen im freien und gebundenen Vers. Aus dem alltäglichen Gebrauch kennen wir die Sprache als Vermittler von Gedanken.

Wenn wir uns im Alltag bewegen, so achten wir für gewöhnlich nicht darauf, wie wir unseren Körper dabei gebrauchen. Die Bewegungen müssen zweckmäßig sein. Jede künstlerisch gestaltete Bewegung, ob Tanz, Eurythmie, Pantomime oder Schauspiel, geht über die zweckmäßige Bewegung hinaus. Der Ausdruck der Bewegung wird beseelt. Das innere Erleben wird durch die Bewegung selbst sichtbar.

Wie die Bewegungskunst den Gesetzen und Möglichkeiten der Bewegung, so wendet sich der Sprachkünstler dem zu, aus dem die Sprache gemacht ist, den Lauten, Silben etc. Dies ist das Arbeitsfeld der Sprachgestaltung.

Auf dem konsonantischen Grund des artikulierten Lautes erhält der Gedanke seine bildhafte Form. Der vokalische Klang der Stimme färbt den individuellen Ausdruck durch das anteilnehmende Gefühl. Im Raum des sich mit der umgebenden Luft verbindenden Atems gelangt die gesprochene Sprache für andere Menschen zum Dasein und wird hörbar.

In der Artikulation erleben wir die differenzierte Vielfalt der einzelnen Laute in ihrer plastisch musikalischen Eigenart. Die Laute schließen sich zu Silben als der kleinsten rhythmischen Einheit zusammen. Die entweder betonte oder unbetonte Silbe wiederum ist Kernstück jeder metrisch rhythmischen Gestalt der Sprache wie wir sie vor allem aus lyrischer Dichtung und Versepen kennen.

Der Stimmklang führt uns in die Sprache als Gefühls- und Seelenwelt. Wir erleben das Mitgeteilte im Zauber seiner Eigenart. Im Klang der Stimme spiegelt sich das Wesen des Mitgeteilten, indem das Gefühl sich auf individuelle Weise mit dem Inhalt verbindet. Der Ausdruck der Sprache wird bildhaft, gestisch, farbig.

Die Sprache tritt hervor, indem das Wort auf dem "Boden" der ausgeatmeten Luft sich mit der umgebenden Atemluft verbindet. Der Atemrhythmus steht in Zusammenhang mit dem Rhythmus des Blutes, der sich im Pulsschlag äußert. Aus einem jeweils verschiedenen Zusammenspiel von Puls und Atem geht die Vielfalt freier und gebundener Sprachrhythmen hervor.

Die Sprache auf diese Weise kennen und sprechen lernen ist der Weg der Sprachgestaltung. Er vertieft das eigene Verhältnis zur Sprache und verwandelt es in künstlerische Empfindung. Aus ihr ergibt sich, je nach der individuellen Anlage und Neigung, der Ausgangspunkt für eine vielfältige Verwendung in verschiedenen Arbeits- und Lebensgebieten.

Einen rein künstlerischen Ausdruck findet die Sprachgestaltung in der Rezitations- und Vortragskunst in individuell freier Gestaltung, zum Beispiel als szenische Rezitation, Literaturbühne, als Grundlage im Schauspiel oder rein sprachlicher Vortrag ohne szenische Mittel.

Die Wirkungen der Sprachgestaltung kommen im Gebiet der Pädagogik, der Heilpädagogik und der Therapie zum Tragen.

Auch auf dem Gebiet der alltäglichen Anwendung der Sprache im sozialen Arbeitsfeld, in der freien Rede und im Gespräch werden die vielfältigen Möglichkeiten und Hilfen, welche Sprachgestaltung eröffnet, immer mehr entdeckt und fruchtbar gemacht.

Weitere Links zu Ausbildungen in Sprachgestaltung finden Sie hier.