zurück zurück Sigurd

Christian Maurer

Anregungen für das richtige Sprechen der Stabreime

»Man lege den Nachdruck auf die Silben, denen er gebührt, so geschieht zugleich dem Vers sein Recht.«
Diese lapidare Ermunterung Andreas Häuslers für das Alliterieren (Stabreim- Sprechen) sollte getrost auch Richtschnur für die Arbeit mit den Kindern beim richtigen Erüben der Edda-Strophen sein.
Die wichtigsten Grundregeln seien kurz in Erinnerung gerufen:
  1. Der Stabreim ist phonetisch erlebter Gleichklang der Anlaute natürlich betonter Wörter und hebt die sinntragenden Worte wie in ein helles Licht.
  2. Alle Vokale werden untereinander als gleichklingende Anlaute erlebt. (Der altgermanische Mensch hatte offenbar noch keine sichere Empfindung für die unterschiedlichen Vokalklänge).
  3. Germanische Wörter werden immer auf der ersten Silbe betont, wobei die Vorsilben unberücksichtigt bleiben. (Níbelungen, Brýnhild, Ándwari,Wálküre, usw.) Entsprechend können unbetonte Vorsilben nie den Stabreim tragen, dagegen sehr wohl sinntragende, betonte Wurzelsilben im Wort!
  4. Die Kinder verfallen leicht in einen bellenden Schreiton, der - nach dem konsonantischen Anlaut der Stabsilbe - den Vokal herausplärrt und statisch stempelt. Dieses »kopfige« Sprechen ist das Gegenteil von dem, was gewollt war!Das kraftvolle Ergreifen des anlautenden Konsonanten dagegen, der sich in der Verszeile mit jedem Stabwort wiederholt, stärkt den Willen und die Sprachorgane der sprechenden Kinder. Wenn es zugleich gelingt, über den nachfolgenden (nicht anlautenden) Vokal der Stabsilbe ein wenig »hinwegzusprechen«, hin zum nächsten Konsonanten und diesen zu greifen, wird der angestrebte plastische Wohlklang der Sprache erreicht.
  5. Aus dem eurythmischen Üben kann die Sprachbewegung der Stabreimverse gelernt werden:Stabreim-Sprechen ist dynamisch-klangvolles Hoch- und Tieftonsprechen auf den Wogen des Atems. Die stabenden Silben sind gleichsam die »Schaumkronen« der bewegten Sprachwoge.
  6. Die (manchmal zahlreichen) Silben, die den Stabreim vorbereiten, eilen wie »Anlaufsilben« im Crescendo auf den Stabreim zu und steigern ihn; in den Silben nach dem Hochton ebbt die Sprachbewegung ab - um dem nächsten Stabwort entgegen erneut anzuschwellen.
  7. Die Langzeile hat grundsätzlich vier gewichthafte Hebungen bei beliebiger Silbenzahl. Sie ist durch eine Zäsur gegliedert in An- und Abvers, die je zwei Hebungen haben.Wird eine Langzeile von nur zwei Stabwörtern getragen, kann sie im Gleichgewicht, in kraftvoll sich wiegender Ruhe zwischen Rechts und Links erlebt werden. An- und Abvers tragen je einen Stab.Häufen sich drei Stabwörter in einer Zeile, so eilt die Sprachbewegung vorwärtsstrebend auf den dritten Stab zu und steigert seine Kraft! Es entsteht ein pulsierendes Anschwellen der Sprachwoge. Dabei trägt immer der Anvers zwei und der Abvers ein Stabwort.Man wird beim Üben rasch bemerken, wie es viel leichter und viel weniger anstrengend ist, diese dynamischen Wogen zu sprechen, als den Stabreim statisch zu stempeln!
  8. Mehr als drei Stäbe sind in der Edda-Zeile grundsätzlich nicht möglich. Ausnahme: Zwei alternierende Reimpaare in einer Langzeile entweder in der Reimform AB – AB, dann drängt die Dynamik zu einem raschen Richtungswechsel, was Beweglichkeit, aber auch Wankelmütigkeit ausdrücken kann. Z.B. Sigurd zu Fafnir:

    Doch um Gr ausen zu w ecken,    gr immiger W urm,
    Hast H eldenmut du ge h egt!

    Auch Gunnar im Selbstgespräch:

    Bl utig ge br ochen …   Bl utes Br uderschaft …

    Oder in der zweiten Ausnahme AB – BA. Durch diese Form (die schwieriger zu sprechen ist: Die A-Stäbe sehr kräftig, die B-Stäbe gedämpfter), kann gut das Wirken eines Fatums hervorgehoben werden. Z.B. Andwaris Fluch:

    Der gl eißende Schatz     und der gl utrote Hort:
    – Zur H el fahre d er –     d er ihn be h ält! –

    Und auch Brünhilds Treuegelöbnis zu Sigurd:
    Ich k ünde dir f rei:     F rei er k or ich dich!

    Aber auch hier, wie immer unter der Beachtung der Zäsur, welche die Langzeile gliedert.


Die Verskunst der Edda kennt zuvorderst die getragene, monumental-erzählende, meist vierzeilige Strophe (»Altmärenton«). Neben ihr hat sich in einigen Liedern die Kurzstrophe im »Spruchton« ausgebildet, die sowohl der epigrammatischen Lebensweisheit, als auch der dramatischen Wechselrede – wie in den drei Sigurdliedern – gemäß ist (die sich ja oft zum Wortgefecht in prägnanten Sinnsprüchen steigert). In ihr schließt sich an eine Langzeile immer die kurze »Vollzeile« an und gibt der Rede ihre Überzeugungskraft. In der vierzeiligen Strophe eignet die Vollzeile sich als prägnanter Abschluß.

oben