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Christian Maurer
Anregungen für das richtige Sprechen der Stabreime
»Man lege den Nachdruck auf die Silben, denen er gebührt, so
geschieht zugleich dem Vers sein Recht.«
Diese lapidare Ermunterung Andreas Häuslers für das Alliterieren
(Stabreim- Sprechen) sollte getrost auch Richtschnur für die Arbeit mit
den Kindern beim richtigen Erüben der Edda-Strophen sein.
Die wichtigsten Grundregeln seien kurz in Erinnerung gerufen:
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Der Stabreim ist phonetisch erlebter Gleichklang der Anlaute natürlich
betonter Wörter und hebt die sinntragenden Worte wie in ein helles Licht.
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Alle Vokale werden untereinander als gleichklingende Anlaute erlebt. (Der
altgermanische Mensch hatte offenbar noch keine sichere Empfindung für die
unterschiedlichen Vokalklänge).
-
Germanische Wörter werden immer auf der ersten Silbe betont, wobei die
Vorsilben unberücksichtigt bleiben. (Níbelungen, Brýnhild,
Ándwari,Wálküre, usw.) Entsprechend können unbetonte
Vorsilben nie den Stabreim tragen, dagegen sehr wohl sinntragende, betonte
Wurzelsilben im Wort!
-
Die Kinder verfallen leicht in einen bellenden Schreiton, der - nach dem
konsonantischen Anlaut der Stabsilbe - den Vokal herausplärrt und statisch
stempelt. Dieses »kopfige« Sprechen ist das Gegenteil von dem, was
gewollt war!Das kraftvolle Ergreifen des anlautenden Konsonanten dagegen, der
sich in der Verszeile mit jedem Stabwort wiederholt, stärkt den Willen und
die Sprachorgane der sprechenden Kinder. Wenn es zugleich gelingt, über
den nachfolgenden (nicht anlautenden) Vokal der Stabsilbe ein wenig
»hinwegzusprechen«, hin zum nächsten Konsonanten und diesen zu
greifen, wird der angestrebte plastische Wohlklang der Sprache erreicht.
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Aus dem eurythmischen Üben kann die Sprachbewegung der Stabreimverse
gelernt werden:Stabreim-Sprechen ist dynamisch-klangvolles Hoch- und
Tieftonsprechen auf den Wogen des Atems. Die stabenden Silben sind gleichsam
die »Schaumkronen« der bewegten Sprachwoge.
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Die (manchmal zahlreichen) Silben, die den Stabreim vorbereiten, eilen wie
»Anlaufsilben« im Crescendo auf den Stabreim zu und steigern ihn; in
den Silben nach dem Hochton ebbt die Sprachbewegung ab - um dem nächsten
Stabwort entgegen erneut anzuschwellen.
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Die Langzeile hat grundsätzlich vier gewichthafte Hebungen bei beliebiger
Silbenzahl. Sie ist durch eine Zäsur gegliedert in An- und Abvers, die je
zwei Hebungen haben.Wird eine Langzeile von nur zwei Stabwörtern getragen,
kann sie im Gleichgewicht, in kraftvoll sich wiegender Ruhe zwischen Rechts und
Links erlebt werden. An- und Abvers tragen je einen Stab.Häufen sich drei
Stabwörter in einer Zeile, so eilt die Sprachbewegung
vorwärtsstrebend auf den dritten Stab zu und steigert seine Kraft! Es
entsteht ein pulsierendes Anschwellen der Sprachwoge. Dabei trägt immer
der Anvers zwei und der Abvers ein Stabwort.Man wird beim Üben rasch
bemerken, wie es viel leichter und viel weniger anstrengend ist, diese
dynamischen Wogen zu sprechen, als den Stabreim statisch zu stempeln!
-
Mehr als drei Stäbe sind in der Edda-Zeile grundsätzlich nicht
möglich. Ausnahme: Zwei alternierende Reimpaare in einer Langzeile
entweder in der Reimform AB AB, dann drängt die Dynamik zu einem
raschen Richtungswechsel, was Beweglichkeit, aber auch Wankelmütigkeit
ausdrücken kann. Z.B.
Sigurd zu Fafnir:
Doch um
Gr
ausen zu
w
ecken,
gr
immiger
W
urm,
Hast
H
eldenmut du ge
h
egt!
Auch Gunnar im Selbstgespräch:
Bl
utig ge
br
ochen
Bl
utes
Br
uderschaft
Oder in der zweiten Ausnahme AB BA. Durch diese Form (die schwieriger zu
sprechen ist: Die A-Stäbe sehr kräftig, die B-Stäbe
gedämpfter), kann gut das Wirken eines Fatums hervorgehoben werden. Z.B.
Andwaris Fluch:
Der
gl
eißende Schatz und der
gl
utrote Hort:
Zur
H
el fahre
d
er
d
er ihn be
h
ält!
Und auch Brünhilds Treuegelöbnis zu Sigurd:
Ich
k
ünde dir
f
rei:
F
rei er
k
or ich dich!
Aber auch hier, wie immer unter der Beachtung der Zäsur, welche die
Langzeile gliedert.
Die Verskunst der Edda kennt zuvorderst die getragene,
monumental-erzählende, meist vierzeilige Strophe
(»Altmärenton«). Neben ihr hat sich in einigen Liedern die
Kurzstrophe im »Spruchton« ausgebildet, die sowohl der
epigrammatischen Lebensweisheit, als auch der dramatischen Wechselrede
wie in den drei Sigurdliedern gemäß ist (die sich ja oft zum
Wortgefecht in prägnanten Sinnsprüchen steigert). In ihr
schließt sich an eine Langzeile immer die kurze »Vollzeile« an
und gibt der Rede ihre Überzeugungskraft. In der vierzeiligen Strophe
eignet die Vollzeile sich als prägnanter Abschluß.